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Schulzeiterinnerungen/My letter to Mister Rush

Schulzeiterinnerungen/My letter to Mister Rush

Schulzeiterinnerungen/My letter to Mister Rush

Ich hatte ab der 5. Klasse Latein und ab der 7. Englisch. Mein Englischlehrer, Herr Rausch, empfahl mir das Buch „Finnegans Wake“ von James Joyce und meinte, es würde mir sicher gefallen. Außerdem sei es eines der Bücher, die man gelesen haben muss. Ich habe ihm versprochen, es zu lesen, aber habe es dann total vergessen.  Ab und zu fiel es mir wieder ein. Heute kam mein Exemplar endlich an – besser spät als nie. Vor einigen Jahren ist Herr Rausch gestorben (zu einer Zeit, zu der ich es absolut nicht geschafft habe, auf Beerdigungen zu gehen). Ich habe trotzdem einen offenen Brief an ihn verfasst, irgendwie hatte ich das Bedürfnis.

Er nannte sich selbst Mister Rush und im Französischunterricht (ab der 9.) Monsieur Ivresse. Schade, aber Französisch hat mich nie so fasziniert wie Englisch, ich hatte meist Fünfen, mit Mühe und Not mal eine Vier – ich habe ihm seine Enttäuschung angemerkt. Er konnte es nicht verstehen. Ich irgendwie auch nicht. Mon dieu! Aber ich habe ein Französisch-App auf dem Handy. Habe es auf dem Handy. Drauf. Da liegt es. Und nimmt Speicherplatz weg 😉 Russisch will ich auch schon seit einer ganzen Weile lernen. Aber ich bleib einfach immer bei Englisch hängen.

You know you’re German when

YOU CAN NOT DIFFERENT.

Später, als ich die 10. wiederholen musste (u. a. Fünf in Franz, Eins in Englisch haha, doch Mathe Fünf und Physik ebenfalls, ich glaube sogar Musik auch noch… Oh Gott 😀 Als es sich abzeichnete, hab ich einfach NICHTS mehr gemacht und meine Jugend genossen 😉 ) und einen anderen Lehrer in Französisch hatte, hat dieser mich mal irgendwas gefragt, auf das ich antwortete mit „Sorry, I do NOT speak French, I only speak English!“ Er hat sich tierisch aufgeregt, bekam einen hochroten Kopf und setzte mich vor die Tür. Das muss drollig ausgesehen haben, da ich größer war als er. Ich glaube, heute könnte man ihn verklagen, weil man ja dank der Schulpflicht auch das absolute Recht auf Bildung hat, egal wie scheiße man sich benimmt 😉 😛

Zurück zu Mister Rush.

Einmal kamen meine Banknachbarin und ich ein paar Minuten zu spät in die Stunde, weil wir draußen noch geredet hatten. Als wir gesehen haben, dass er kommt, haben wir uns in die hinterste, sehr dunkle Ecke des Ganges gedrückt und waren mucksmäuschen still. Er ging ins Klassenzimmer, wir beendeten unseren Plausch (ich hab keine Ahnung mehr, worum es ging) und gingen rein: „Sorry, waren noch im Sekretariat:“ Und er so: „Ich hab euch im Gang stehen sehen…“ worauf ich ohne zu überlegen sowas geantwortet hab wie „Wir mussten unbedingt noch etwas wichtiges besprechen aber ich wollte nicht, dass Sie dann schlecht von uns denken, weil uns das Gespräch wichtiger war als die Stunde… Tut mir leid, ich dachte, ich müsse jetzt lügen! Also wir waren draußen und haben zu ende geredet. Tut mir ehrlich leid!“ – Ehrlichkeit währt am längsten, oder so, jedenfalls durften wir uns hinsetzen und die Stunde ging normal weiter.

Ein anderes Mal war ich in der großen Pause mit einer Mitschülerin aus der Parallelklasse Rauchen, und zwar am Schönborngymnasium, das quasi im selben Viertel wie meine alte Schule (das St. Paulusheim in Bruchsal) liegt, man muss nur eine Treppe hoch und dann die Straße überqueren. Beim Zurückkommen kommt uns Mister Rush entgegen: „Holzer, Walter! Habt ihr euch illegal vom Schulgelände entfernt?!“ Wir schmeißen unsere Kippen weg und gucken schuldbewusst. Mister Rush kneift demonstrativ und unübersehbar ein Auge zu und sagt: „Gut, dass ihr nicht auch noch geraucht habt…!“ Wir mussten dann einen Text verfassen, in dem wir darlegen sollten, wieso man sich nicht vom Schulgelände entfernen darf.

Das muss im Frühling  oder Frühsommer 2001 gewesen sein. Fun-Fact: Ich schrieb neben allerei versicherungstechnischen Gründen auch, dass es sein könnte, dass ein großes Flugzeug mitten in der Stadt abstürzt. Bruchsal ist nicht New York, aber allein auf die Idee zu kommen, zu dieser Zeit… Das finde ich bis heute kurios. Aber das nur so am Rande. Ich habe es aber explizit als Unfall formuliert, von Terroristen war zu diesem Zeitpunkt ja noch in keinster Weise die Rede, bzw. auf sowas wäre man im Traum nicht gekommen (jedenfalls ich nicht). Endlich kommt das T-Wort hier vor, leider werden die neuen Leser sicher nicht in der Statstik auftauchen, aber ich fühl mich trotzdem mal, als hätte ich Aufmerksamkeit.

Außerirdische kamen auch drin vor, das volle Programm. Ich glaube, es waren sogar mehr Seiten als gefordert waren, vom Nachvollziehbaren zum exorbitant Absurden.

Die sahen das als Strafe an. Ich fand’s total lustig.

Wenn man zu mir sagt, ich soll einen Text verfassen, dann verfasse ich verdammt nochmal einen Text. Als ich über „Geduld“ schreiben sollte (keine Ahnung, irgendwas im Sportunterricht, oder war es in Deutsch?!) hat meine Mutter mich auf die Idee gebracht, den Spieß doch einfach umzudrehen und ein Anti-Geduld Manifest zu verfassen. Der letzte Satz lautete: „Denn nur das Opferlamm lässt sich geduldig zur Schlachtbank führen“ – der ist von meiner Mom 😀 Ich weiß es noch ganz genau, danke Mom 😡

Ich bin absolut gegen das Schulsystem und für die Abschaffung des Schulzwangs ( 😉 ) aber dank Mr. Rush am I able to speak and understand English, and that means so much to me that I actually couldn’t put it into words in German as well.

Hier mein offener Brief:

Dear Mister Rush!

Without you, I would never have made it to CEFR Level C2 (I’m working on C1). You taught me English and I apologize for not having spent enough time and effort for the French you were also trying to teach me (Merci, Monsieur Ivresse).

You told me to read this book ca. 1997 and I promised you I would. I promised myself, but I forgot it.

It’s already a long time since you have passed away. I was not strong enough mentally and psychologically at that time, that’s why I wasn’t able to attend your funeral. I know you forgive me.

But I believe in reincarnation.

I know it took me way too long, but I keep my promise: I will now finally read that book you recommended. I still remember your face when you said that you were sure I would like it. I’m sure I will!

Wolfgang Rausch – Danke.

(I’m kind of suppressing my tears now because I know death is not the end… Still… *sigh* THANK YOU for teaching me English! Dammit I gotta cry now but it’s ok)

joyce

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