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Ulle – Teil eins [fiktiv]

Ulle – Teil eins [fiktiv]

Ulle – Teil eins [fiktiv]

Jahre ist es her, dass ich von mir erfundene Geschichten auf einer meiner Websites veröffentlicht habe. Es wird mal wieder Zeit. Im August habe ich angefangen, über einen Ulle zu schreiben. Ich habe beschlossen, ihn auszubauen, und heute lernt ihr ihn kennen.

Ulle – Teil eins

Ulle war eigentlich ein ganz normaler Typ. Die Mutter eine Dänin, die 1971 der Liebe wegen nach Schleswig-Holstein gezogen und dort geblieben war, der Vater ein Deutscher. Die Liebe hielt dreienhalb Jahre, Ulle war der Höhepunkt. Zwei Tage vor seiner Geburt verließ der Vater, ein sprunghafter Weltenbummler, seine schöne Dänin und heuerte auf einem Schiff an. Zu Ulles erstem Geburtstag erreichte ihn eine Postkarte aus Südafrika: „Lieber Sohn (denn ich hoffe, dass du wenigstens ein Sohn bist!), mach dir keine Sorgen, es geht mir gut. Deine Mutter brauchst du nicht von mir grüßen, sie macht sich sicher auch keine Sorgen um mich, und Manfred, Peter, Arnold und Helge sicher auch nicht. Schönes Leben noch, mein lieber (hoffentlich) Sohn, viele Grüße vom Kap, dein Papa“.

Mit 12 kam Ulle in den Sportverein, und damit begannen seine Probleme. Von Natur aus eher schmächtig, hatten es der nur wenig ältere Knut und sein ihm völlig höriger Cousin Korbinian auf ihn abgesehen und mobbten ihn nach allen Regeln der Kunst, inklusive Schlägen. Seine Mutter, die viel arbeiten musste und selten zu Hause war, konnte er damit nicht belasten, deshalb fraß er sein Elend in sich hinein. Seine Mutter bestand darauf, dass er sich im Sportverein ertüchtigte, damit er nicht (so) fett wurde (wie sein Vater). Nachfragen bezüglich des Vaters, so hatte klein Ulle im Laufe seiner Kindheit gelernt, führten immer entweder zu hysterischem Gelächter und dazu, dass sein Mutter sich betrank, oder sie stand auf und verschwand in einem anderen Zimmer, bzw. ließ ihn einfach stehen/sitzen.

Mit 15 Jahren traf Ulle eine Entscheidung: niemals im Leben würde er so werden wie seine Eltern. Außerdem entschied er sich, nicht nur von seiner Religionsfreiheit Gebrauch zu machen und die Evangelische Kirche für immer zu verlassen, er verließ auch den Sportverein. Dazu fälschte er einfach die Unterschrift seiner Mutter und schickte das Formular per Post. Natürlich wunderten sich Knut und Korbi, wo ihr Opfer geblieben war. Einige Wochen lang hatte er Angst, sie würden ihn zu Hause aufsuchen und sich nach ihm erkundigen, doch Gottseidank – Ulle war immernoch Christ, irgendwie – geschah etwas derartiges nie. Die beiden sahen von ihm ab. „Wahrscheinlich haben sie sich jetzt Francois und Jerome ausgesucht, weil sie Ausländer sind…“ sinnierte Ulle manchmal. Die beiden hatten ihm wirklich zugesetzt, sodass an Sport gar nicht zu denken war.

Einmal waren sie nämlich, da muss Ulle um die 12 gewesen sein, mit einer Flasche Wein und einem Blumenstrauß bei Ulles Mutter aufgetaucht und wollten ihr danken, dass sie so einen tollen Sohn habe. Überwältigt nahm die Mutter das Geschenk an, doch der Strauß war voller Wanzen, und in der Flasche war kein Wein, sondern sowas wie Hundepisse, das jedenfalls hofften Ulle und seine Mutter. Zuerst bekam Ulle Ärger (wie immer), doch bevor seine Mutter ihn schlagen konnte – das hatte sie noch nie übers Herz gebracht, aber jetzt war es fast soweit, schließlich hatte sie sich so sehr auf den Wein gefreut… – hatte er ihr klarmachen können, dass sie damit ihn selbst ärgern und es genauso weit hatten kommen sehen. Der erste Abend, an dem die Mutter einen leisen Anflug von Einsicht in Ulles vertrackte Situation im Sportverein bekommen hatte. Doch so schnell die Einsicht angeflogen gekommen war, so schnell war sie auch wieder ausgeflogen, und Ulle litt noch 3 weitere Jahre mehr oder weniger still (er schrie natürlich, als sie ihn traten) unter der unmenschlichen Behandlung durch Knut und Korbi.

Wo war der Trainer, fragt man sich, jedenfalls fragte sich das Ulle. Manchmal kann Unwissen ein Segen sein, und manchmal auch das Mobbing durch ein paar abgefuckte asoziale Kinder. Der Trainer war nämlich einer von der Sorte, die den Jungs gerne mal beim Duschen zuschaute und auch mal den ein oder anderen Hoden kontrollierte – mehr wusste man nicht, da niemand darüber sprach, was bei den Einzelcoachings geschah. Um es kurz zu machen: sowohl Knut und Korbi, als auch Ulle, wurden durch das Mobbing an Ulle vor dem schlimmsten Verbrecher zwischen Bad Segeberg und Husum gerettet. 1985 gelang es der Polizei, einen Kinderschänderring aufzudecken, an dessen äußerem Rand der Trainer angesiedelt war, der natürlich prompt ein paar Mittäter verriet. Es kam zum Prozess, 14 Männer wurden zu lebenslänglich, vier weitere zu sechs Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt. Damit waren alle zufrieden, die Staatsanwaltschaft, die Richter, die Presse, die Eltern, die Gesellschaft und die wahren Hintermänner. Alles ging wieder seinen gewohnten Trott. Der Sportverein bekam eine neue Trainerin, was aus Knut und Korbi wurde, wissen wir nicht.

Abitur 1992, Ulle mittendrin. Auszeichnung und Lob in Englisch und Biologie, Durschnitt 1,8, das Leben lag ihm zu Füßen. Ulles Großmutter aus Dänemark, die weder er, noch seine Mutter während Ulles bisherigem Leben jemals gesehen hatten, war kurze Zeit zuvor verstorben und hatte ihrer einzigen Tochter einen Mercedes 300 SEL Baujahr 1969 sowie umgerechnet 20.000 Mark hinterlassen. Nach der Zeugnisübergabe und dem Klassenfoto kam seine Mutter, voller Stolz, mit roten Backen und in aufgeregter Freude auf ihn zu gerannt, umarmte ihn heftig, küsste ihn auf die Stirn und sagte: „Ach Ulle, ich bin so stolz auf uns! Was wir zwei alles geschafft haben, schau mal, was ich hier habe: das ist mein Ticket, um 19:56 Uhr fahre ich nach Hamburg und von dort aus in die Karibik! Endlich, die Kreuzfahrt, von der wir so lange geträumt haben! Auf dem Küchentisch liegt alles, was du brauchst, Herr Saatgut von der Sparkasse Itzehoe weiß Bescheid, geh am Dienstag zu ihm. Du bist ja so ein guter Junge, du wirst sicher ganz schnell einen Beruf finden, der dir ganz viel Spaß macht, mein Junge! Also!“ sie küsste ihn noch einmal auf die Stirn und sah ihm tief in die Augen. „Ich liebe dich. Mach’s gut, Ende September bin ich wieder da!“ sprach’s und drehte sich um, um Ulle für immer zu verlassen.

An diesem Abend betrank sich Ulle das erste mal. Die anderen Abiturienten waren noch in den Stadtpark gegangen, um dort dem Alkohol zu frönen, doch er wollte sich nicht wegen des Schulabschlusses besaufen, und auch nicht gemeinsam mit anderen, die sich wegen des Schulabschlusses besoffen. Seine Mutter hatte nicht nur sämtliche Papiere und detaillierte Instruktionen für die Wohnung, wie die Bedienung der verschiedenen Geräte oder die Gießfrequenz der Zimmerpflanzen hinterlassen, sondern auch dafür gesorgt, dass er ein Bankkonto bekam, auf dem er 4.000 DM vorfand. Herr Saatgut von der Sparkasse war unheimlich nett, fast zu nett für Ulles Empfinden. Immer wieder erkundigte er sich nach Ulles Mutter und auf die Frage, ob Ulle zufällig wisse, ob sie ihre ganze Garderobe mitgenommen hatte, oder ob das kleine gelbe Kleidchen noch bei ihnen in der Wohnung zu finden sei, und ob Ulle nicht mal Lust auf einen Kaffee, natürlich bei Ulle, hätte, da brach er das Beratungsgespräch dann ab mit dem Vorwand, er hätte noch einen anderen Termin. Auch der Frisör, Herr Arnoldsen, sowie der Hausmeister, Herr Schmoordes, waren Untröstlich über die Abreise von Ulles Mutter. Mehrmals erkundigten sie sich nach ihr, doch auch Ulle hörte während des ganzen Sommers nichts.

Und auch nicht während des darauffolgenden. Längst beim Sozialamt gemeldet, hatte er die viertausend Mark relativ schnell auf den Kopf gehauen und sich halbherzig bei einigen Firmen beworben. Die Einladungen, die trotz der eher durchschnittlichen Anschreiben, aber wohl wegen seiner guten Noten auf die Bewerbungen gekommen waren, hatte er ignoriert.

Mit 22 hatte Ulle genug von seinem Lotterleben und beschloss, endlich etwas aus sich zu machen. Er ging zu Herrn Arnoldsen und ließ sich einen schicken Kurzhaarschnitt verpassen, den er mit Gel nach oben stylte, sodass er aussah wie ein Igel. Er kaufte sich einige sehr grelle Klamotten, was zu dieser Zeit nicht schwierig war, und suchte seine Sachbearbeiterin im Sozialamt auf. Damals gab es in Deutschland noch Sozialämter.

Das Sozialamt war in einem dieser hässlichen grauen Plattenbauten, die angeblich architektonisch besonders wertvoll sein sollen und deren Treppengeländer sowie Fenster und Türrahmen in einem unmöglichen violett lackiert sind, untergebracht, in dessen Foyer es seltsam nach einem Gemisch aus Lack, abgestandenem Rauch, altem Schweiß und Fischsoße stank. Durch die sterile Atmosphäre, die altmodischen, potthässlichen und dazu noch verdammt unbequemen Wartesessel, das leise Echo, das jedes Geräusch verursachte, sowie durch verstörende moderne Kunstwerke an den Wänden, die an gequälte und quälende Dämonen erinnerten, wirkte das Sozialamt auf Ulle wie ein Irrenhaus. Als er dies einmal Herrn Schmoordes gegenüber erwähnte, hielt dieser kurz beim Haareschneiden inne und hob dann zu einem Monolog über die Errungenschaften der modernen Psychiatrie respektive pharmazeutischen Medizin an und verteidigte die Einrichtung eines psychiatrischen Krankenhauses in einer solchen Inbrunst, dass Ulle von da an nie wieder mit irgendjemandem über das Sozialamt sprach, in welcher Form auch immer.

Freundlich, serviceorientiert, zuvorkommend, verständnisvoll, französischsprechend: all dies waren die Mitarbeiter des Sozialamts nicht. Ulle hatte sich um 8:03 Uhr eine Nummer aus der Apparatur gezogen und war um 11:42 Uhr in Raum 102 B zu Frau Herbesplechler gerufen worden. Frau Herbesplechler war ungefähr mitte Vierzig, hatte halbergrautes, jedoch immer noch relativ blondes Haar und sprach in einem Dialekt, den Ulle noch nie zuvor gehört hatte. Bayrisch konnte es nicht sein, Schwäbisch auch nicht. „Vielleicht Saarländisch…“ überlegte Ulle, als Frau Herbesplechler ungeduldig auf seine Erkundigungen bezüglich seiner vorherigen Sachbearbeiterin, Frau Jüsselnoof, einging. „Säähnse“, sagte Frau Herbesplechler, „d‘ Fraa Jüsslnoff, die hat halde ihre Uhre han tigge häre, und dänn hättse hald ihr’n Freddarick iwwa sich driwwa losse, wie’s halt so isch, hää, unn jetz hän Ieh halt därre ihre Ärwet ah nock! Jesses noi, was gugn Se’n so, hänn se me nett vaschdanna? Schwanger isch se, SCHWANGER!“ schrie Frau Herbesplechler. Ulle schaute betreten zur Seite. Schwanger also, und das restliche – Ulle war sich nicht sicher, ob es sich wirklich um Saarländisch handelte – Gesagte blieb ihm auf Ewig ein Rätsel. Wie kann sie nur hier oben im Norden leben, wenn keiner sie versteht? Ulle hatte Mitleid mit ihr. Sie erinnerte ihn an Francois aus dem Sportverein, den etwas zu stämmig geratenen Franzosen, den alle seiner Herkunft wegen fertig machten. Natürlich, er war schwarz, doch das waren Ben und Jamie ebenfalls, nur waren sie keine Franzosen. Ben war Amerikaner und Jamie war laut Auskunft seiner Eltern Reichsdeutscher, seine Mutter war aus Namibia, sein Vater aus Kamerun. Auch der rothaarige, etwas schlacksige und öfter kränkliche Jerome war Franzose, und auch er wurde das Opfer rassistischer Übergriffe.

Frau Herbesplechler gab Ulle einen Stapel Papiere, die er ausfüllen musste, während sie vortäuschte, etwas in den Computer einzugeben und dabei ein wichtig aussehendes Gesicht machte. Als Ulle etwa die Hälfte der Papiere ausgefüllt hatte, klingelte das Telefon. Frau Herbesplechler meldete sich mit „Häärbespllechla?“ und wurde immer blasser. „Ha jo, ha noi, ha nääääh…“ wunderte sie sich, dann legte sie auf. Ulle sah sie verdutzt an. „Ieh muss sofän foat!“ schrie sie, aufstehend und nach Ihrer Tasche greifend. „Ausfille und noalähe, LEGEN!“ waren die letzten Worte, die Ulle vernahm, ehe Frau Herbesplechler aus dem Raum gestürzt war. Mit einem unerträglichen Quietschgeräusch fiel die Tür ganz, ganz langsam zu. Ulle war allein im Büro des Sozialamts und starrte auf die Papiere in seinen Händen. „Scheiß doch drauf!“ dachte er, warf sie auf den Schreibtisch, stand auf und verließ das Sozialamt – für immer, das wusste er. Nie wieder wollte er angewiesen sein auf die Hilfe anderer, die nicht einmal seine Sprache sprachen. „Im eigenen Land!“ murmelte er ärgerlich vor sich hin, als er die Straßenseite wechselte.

Es hatte angefangen zu regnen und eigentlich hatte er sich auf einen sonnigen Nachmittag im Stadtpark gefreut. Es war der 18. August, und er hatte noch vierzehn Mark und zwanzig Pfennige. Seine Formulare hatte er nicht ordnungsgemäß ausgefüllt, also würden sie ihm Briefe schicken. Vielleicht würden sie das Geld für September noch überweisen.

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