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Nachruf – Ciao Dad, ich vermiss dich so

Nachruf – Ciao Dad, ich vermiss dich so

Nachruf – Ciao Dad, ich vermiss dich so

Am 18. November ist mein Vater gestorben. Da mein einziges Talent das Schreiben (und Sprechen) ist, habe ich einen Nachruf aus dem Ärmel geschüttelt, den ich bei der Trauerfeier vorgelesen habe (ohne zusammenzubrechen – man hat mich sehr gelobt und mir gesagt, das sei ungewöhnlich, außerdem sei es gut gewesen). Er ist relativ lang, aber ich habe mich heute entschlossen, ihn hier einzufügen. Ich hatte im November auch einen Artikel „Wenn’s um Leben und Tod geht, ist alles andere unwichtig“ angefangen, ihn aber nicht veröffentlicht.

Einige Tage nach der Trauerfeier war noch die Urnenbeisetzung im Friedwald, vielleicht schreibe ich darüber noch einen eigenen Artikel, da es wirklich eine sehr gute Sache ist, dass es so etwas gibt.

Bernhard Walter 29.11.1957 - 18.11.2016

Bernhard Walter
29.11.1957 – 18.11.2016

Ich wollte noch eine ewig lange Einleitung schreiben, aber wisst ihr was… Ich kopier den Text einfach rein:

In Oberöwisheim am Pfannwaldsee gab es ein Brückenhäuschen, das über den kleinen Kraichbach, der hier auch „Jordan“ genannt wird, von einer Seite des Sees auf die andere führte. Es wurde vor vielen Jahren abgerissen, wahrscheinlich, weil es morsch war und die vielen Menschen nicht mehr tragen konnte, die über die Brücke gingen. Es gibt eine Fotoserie von einem Waldspaziergang am See mit meinen Eltern, da bin ich vielleicht zwei oder höchstens drei Jahre alt. Eines der Bilder, das meine Mutter gemacht hat, hängt bei mir an der Wand. Es zeigt meinen Vater und mich in diesem Brückenhäuschen auf einer Bank.

Am ersten Tag, als ich abends vom Krankenhaus zurückgekommen bin, habe ich dieses Bild betrachtet und mir ist bewusst geworden:

Mein Vater hat mich noch über die Brücke gebracht, bevor sie abgerissen wurde.

Das Geschenk des Lebens habe ich, haben wir alle, von Gott erhalten. Die Brücke, die uns bis hierher in dieses Leben führt, wird von unseren Eltern gebildet.

Es gibt noch andere Welten als diese. Daran glaube ich, das ist meine innere Überzeugung. Mein Vater ist nicht einfach „weg“, er hat nur eine Brücke überquert und ist jetzt in einer anderen Welt.

Schwer ist es, loszulassen und hinzunehmen, was nicht zu ändern ist.
Schwer ist es, jemanden leiden zu sehen, zu wissen, dass auch die modernste Wissenschaft und Medizin nichts mehr ausrichten kann.
Schwer ist es, zu akzeptieren, dass jemand, der sich am liebsten selbst um alles gekümmert hat und Herr seines eigenen Lebens war, mit Hilfe von Maschinen seine letzten Atemzüge getan hat.
Schwer ist es auch, in solchen Situationen mit der Vergänglichkeit des eigenen materiellen Körpers konfrontiert zu werden.

Wann und wie ist es für mich soweit? Was geschieht dann? Sehe ich meinen Vater wieder?

Mir gibt der Glaube, die Überzeugung, dass es noch andere Welten und Ebenen gibt, dass es noch weiter geht, Trost bei diesem ganzen Geschehen. Denn ich glaube an Gott und an seine Gnade. Ich habe Gottes Gnade schon selbst an mir erlebt. Sie gibt mir Kraft und Vertrauen.

Das Materielle ist nur ein winziger Teil der gesamten Schöpfung. Wir überblicken das Immaterielle nicht, aber es ist größer und wichtiger als alles, was wir überblicken können.

Mein Vater hat sein Wirken in dieser materiellen Welt in 59 kurze Jahre gepackt. Und in dieser Zeit haben wir so viel von ihm gelernt, so viele wichtige Impulse erhalten. Er hat unser Leben mit seinem Wirken in so vielerlei Hinsicht bereichert.

Für mich ist wichtig, zu erwähnen, dass er stets Immaterielles vor das Materielle gestellt hat. Niemals hätte er etwas getan, was seinen Werten widerspricht. Niemals hätte er seine Seele verkauft.
Ich bin der Überzeugung, dass alles, was er auf sich genommen hat, und alles, auf das er verzichtet hat, ihm zum Lohn in der anderen Welt geworden ist. Denn mein Vater ist einfach nur – es gibt kein anderes Wort – gut. Grundgut. Herzensgut.

Freigiebigkeit und Großzügigkeit zeichnen ihn aus. Er hat immer gegeben. Eine nie enden wollende Hilfsbereitschaft. Wenn man irgendwo hin musste, hat er einen gefahren. Wenn man irgendein Ersatzteil gebraucht hat, hat er es besorgt. Wenn man einen Rat gebraucht hat, hat er einem geholfen, die Dinge auch mal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Und wenn ich ihn etwas tiefgreifendes gefragt habe und er nicht mehr weiter wusste, dann hat er mich auf den lieben Gott verwiesen.

Es gab keine Bitte, die er abgeschlagen hat – außer, wenn sie unmoralisch war.

Mein Vater hat immer den ganzen Menschen gesehen. Er hat andere vor seine eigenen Bedürfnisse gestellt. Ja, er konnte sich auch mal aufregen. Aber er hätte niemals jemandem geschadet. Schwierige Situationen hat er lieber verlassen, damit sie nicht eskalieren konnten.

Jeder, der ihn als Kind kennenlernen durfte – also der selbst ein Kind war und in den Genuss gekommen ist, von „Kindergärtner Bernhard“ babygesittet, bespaßt oder unterhalten zu werden – jeder von uns, der dieses Glück hatte, darf sich geehrt fühlen und kann sich sicher sein, aus der Begegnung mit meinem Vater etwas Immaterielles, etwas für seine eigene Seele mitgenommen zu haben.

Mit ihm wurde es niemals langweilig. Vielleicht hat er euch auch die Tricks mit den Zahnstochern im Saum eines Geschirrtüchleins gezeigt, oder die Serviettenstücke auf dem Fingernagel, und plötzlich waren sie weg. Ich habe auch Fotos gefunden, wo er mir am Küchentisch eine Art Rutsche, so eine Rennbahn für meine Spielautos gebaut hat. Aus den einfachsten Mitteln konnte er ganze Spielwelten schaffen.
Ich erinnere mich auch noch an die allererste Barbie, die er mir geschenkt hat. Oder wie wir mit einer roten Plastikkiste, in der ich saß, Flugzeug gespielt haben. Wie ich für ihn im Kreis tanzte, wenn er mir auf der Gitarre vorgespielt hat. Und er hat soooo gut gespielt! Er war ein begnadeter Gitarrist. Ich hab so ein Bildchen im Internet gesehen, auf dem ein kleines Mädchen fragt: „Mama, was ist guter Ehemann?“ und die Mutter antwortet nur: „Gitarrist“.

Er ist nicht nur musikalisch, sondern generell ein kreatives Genie. Die Elektronik war neben der Musik seine Welt und ich kann nicht alles aufzählen, was er für mich oder uns konzipiert, gebaut, installiert oder repariert hat. Als es noch keine LEDs gab, hat er mit Leuchtdioden gearbeitet und mir unter Anderem einen kleinen Schlüsselanhänger mit Lauflicht gebastelt. Oder eine Lampe aus so einem Pylon, einem orangenen Baustellenhütchen, und vieles mehr.

Kramt in euren eigenen Erinnerungen und euch fällt sicher etwas ein, das mein Vater für euch gebastelt oder repariert hat. Der Geruch von Lötzinn wird mich für immer an ihn erinnern. Lötzinn und dieser typische Elektronik-Geruch. Wenn ich Schaltpläne sehe, denke ich an ihn. Lange saß er nachts wach und hat gezeichnet und konzipiert.

Gemalt hat er auch, und er hatte mehrere Phasen. Zum Beispiel Feldwege, einige Jahre später Gebirge, Landschaften und Sonnenuntergänge. Rosen hat er generell gerne gemalt und gezeichnet. Die Leute haben ihm Bücher über Malereitechniken geschenkt und er hat alles ausprobiert: Öl, Aquarell, nass-in-nass, nass-in-trocken, aber auch mixed media, einmal hat er zum Beispiel Wachsmalstifte mit Aquarell gemischt, die Stifte hatte er vorher angezündet, damit sie sich verflüssigen…

Besonders gerne erinnere ich mich an die von mir sogenannte Kräuterphase, als wir im Garten Kräuterbeete angelegt und Kräuter gezüchtet haben. Mein Vater hat auch einfach super gekocht und öfter mal was Neues ausprobiert, und natürlich haben wir auch die selbstgezüchteten Kräuter verspeist, oder lila Butter aus Stiefmütterchen-Blüten gemacht. Das ist sehr wichtig für mich, dass er mich an die Pflanzen herangeführt hat und dafür sensibilisiert hat, wie wundervoll, nützlich und schön Gottes Natur ist.

Mein Vater hat mir so viele wichtige Dinge für das Leben beigebracht. Er war eine außergewöhnliche Bereicherung, für seine Familie und alle, die ihn in seinem Wirken in dieser Welt kennenlernen durften. Ich durfte sogar sein Kind sein.

Und er war – er ist – mir ein richtig guter Vater. Der beste. Er hat mich alles gelehrt, was ich brauche, um zu überleben: was giftig ist, was man nicht anfassen oder essen darf, was heiß ist oder unter Strom steht, worauf ich achten muss, damit ich mich nicht verletze. Er hat mir die dreidimensionale Welt gezeigt und erklärt. Jetzt hat er sie hinter sich gelassen.

Von der Zeit, die uns gegeben ist, können wir keine Millisekunde kaufen. Unser Leben ist ein Geschenk von Gott.

Wenn ihr an meinen Vater Bernhard denkt, denkt immer auch an die Geschenke Gottes, die ihr erhalten habt, zum Beispiel, dass ihr ihn kennenlernen durftet. Nur die Begegnungen zählen und das, was ihr im Inneren der Menschen für Eindrücke hinterlassen habt.

Mein Vater war immer aufrichtig interessiert an allen Menschen, mit denen er zu tun hatte. Kaum jemand ist so liebenswert und hilfsbereit wie er.

Bei Fotoserie im Wald ist auch ein Bild von mir und meiner Mutter dabei, das mein Vater fotografiert hat. Ein wirklich schönes Bild, wie sie und ich den Waldweg entlangkommen. Der Wald gibt mir grundsätzlich Kraft und es ist für mich ein Ort, wo es mir leichter fällt, mich auf Gott zu besinnen und ruhig zu werden, wenn es mir schlecht geht. Vielleicht wisst ihr schon, dass meine Eltern sich für einen Friedwald entschieden haben. Ich find’s einfach nur total cool!

Meine Eltern sind halt einfach cool, und ich bin ihnen dankbar dafür, dass sie gemeinsam immer hinter mir standen und für mich da waren. Und natürlich danke ich ihnen, dass sie mich christlich erzogen, mir wichtige Werte vermittelt und mir Prinzipien mitgegeben haben, ohne die ich heute hier nicht stehen und das hinnehmen könnte, was Gott gefügt hat.

Meine Überzeugung, mein Glaube, gibt mir die Gewissheit, dass mein Vater Bernhard die Brücke in die nächste Welt ohne schweres Gepäck überquert und dort seinen Frieden gefunden hat. Ich hoffe für meine Mutter, meinen Bruder, mich, unsere Familie und alle, die meinen Vater lieben, dass wir über unseren schweren Verlust hinwegkommen und das Gesamtbild betrachten: dass unser lieber Bernhard jetzt in einer anderen Welt weiterlebt, geborgen in der Liebe Gottes.

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